Menschen für Gesundheit – Die Gesundheitsberufe

Weltgesundheitstag 2006

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland arbeiten im Gesundheitswesen, weit mehr als die Hälfte von ihnen in „Gesundheitsdienstberufen“ mit direktem Kontakt zu Patienten. Die Gesellschaft erwartet von ihnen jederzeit erreichbare Bereitschaft zur Hilfe bei Unfällen und Krankheit, in der Pflege, in der Rehabilitation und auch in der Prävention. Aber wie steht es mit der Gesundheit der Menschen in Gesundheitsberufen? Die WHO hat dieses wichtige, in der Öffentlichkeit aber kaum wahrgenommene Anliegen zum Thema des Weltgesundheitstages 2006 gemacht.

Die Tätigkeit in Gesundheitsberufen birgt durchaus gesundheitliche Risiken, die je nach Arbeitsbereich verschieden sind und physikalische, chemische, biologische und psychische Einflüsse umfassen können. Das oft körperlich und seelisch sehr belastende Engagement vieler Menschen in Gesundheitsberufen zeigt, dass für sie die Ideen der Humanität und der Caritas richtungweisend sind, sich für andere einzusetzen, trotz eigener Belastungen. Sie haben Anspruch darauf, ihre Risiken zu minimieren, auf Fortbildungen, die sie auf den Umgang mit neuen Risiken, Belastungen oder Krankheiten vorbereiten, und auf die ideelle und materielle Anerkennung ihrer Leistungen in der Gesellschaft.

Ein gemeinsames Symposium der Bayerischen Landesärztekammer und der Landeszentrale für Gesundheit diskutierte am 28. November 2006 in München über die Situation von Menschen in Gesundheitsberufen hierzulande, über ihre Belastungen und über Möglichkeiten der Prävention. Vertreter verschiedener Gesundheitsberufe berichteten über die jeweilige Situation ihrer Berufsgruppe mit ihren spezifischen gesundheitlichen Belastungen und zeigten Möglichkeiten der Prävention auf. „Ohne den großen persönlichen Einsatz dieser Berufsgruppen wäre das qualitativ hohe Niveau der Gesundheitsversorgung gerade auch in Bayern nicht zu gewährleisten“ sagte Gesundheitsstaatssekretär Dr. Otmar Bernhard: „Deshalb muss es auch in Zukunft attraktiv sein, einen Gesundheitsberuf zu ergreifen.

Das Gesundheitswesen ist einer der wichtigsten Beschäftigungszweige in Deutschland. Etwa 11 Prozent aller Beschäftigten (4,2 Millionen) arbeiten hier in unterschiedlichen Bereichen, jeder vierte von ihnen (1,1 Millionen) im Krankenhaus, darunter Ärzte, Assistenz- und Pflegepersonal. In Arzt- und Zahnarztpraxen sind 965.000 Menschen beschäftigt, in der (teil-) stationären und ambulanten Pflege 679.000.

Es ist unsere Aufgabe, somatische und psychische Gesundheitsbelastungen gerade für die Angehörigen der Heilberufe abzubauen und möglichst ganz zu vermeiden, vorhandene Erkrankungen adäquat zu therapieren sowie für angemessene Arbeitsbedingungen und Bezahlung zu sorgen.

Dr. Max Kaplan, BLÄK

„Spannung zwischen Ökonomie und Diakonie – Die ökonomische Logik darf nicht zum Maß aller Dinge werden“

„Das Diktat der Ökonomie zwingt dazu, Teilnahme und Empathie mit Patienten zu reduzieren“, sagte der LZG-Vorsitzende Prof. Dr. Johannes Gostomzyk. Die Beschleunigung und Verdichtung der Arbeit führe dazu, dass immer weniger Raum für Kommunikation mit dem Patienten bliebe – ein Aspekt der Arbeit, aus dem Menschen in Gesundheitsberufen stets eine hohe Bestätigung erfahren haben und der eine wichtige Ressource für die Bewältigung (nicht nur) berufsspezifischer Belastungen darstellt. Auch die Gefühle von Machbarkeit und Verstehbarkeit (manageability und comprehensibility), nach dem Konzept der Salutogenese zwei wichtige Quellen der Gesundheit, seien immer stärker beeinträchtigt: „Viele Menschen in Gesundheitsberufen verstehen die politische Diskussion um Reformen im Gesundheitswesen nicht mehr“. Folge der sich ändernden Bedingungen sei ein Wandel der Belastungen: neben dem Risiko der „klassischen“ Berufskrankheiten sind Menschen in Gesundheitsberufen zunehmend psychischen Belastungen ausgesetzt.

Berufskrankheiten und Arbeitsunfälle:
„Gesundheitsberufe bergen vielfältige Risiken, die aber bei verantwortungsvollem und professionellem Arbeitsschutz vermeidbar sind“

betonte Dr. Thomas Remé von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), der gesetzlichen Unfallversicherung für Beschäftigte im Gesundheitswesen. Seit 1992 ist die Zahl der gemeldeten Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten stark zurückgegangen. Die häufigsten Berufskrankheiten sind Hauterkrankungen, Infektionskrankheiten und Wirbelsäulenerkrankungen. Weitere Belastungen sind der Nacht- und Schichtdienst, die Exposition gegenüber physikalischen und chemischen Noxen wie Chemotherapeutika und radioaktiven Stoffen sowie psychische Anforderungen, verbunden mit der Gefahr der Entwicklung eines Erschöpfungssyndroms, des so genannten „Burn-out-Syndroms“.

„Gefragt sind praxisnahe Lösungen“

Um gesundes Arbeiten zu fördern, engagiert sich die BGW in Projekten wie dem „Rückenkolleg“ zur Prävention von Wirbelsäulenerkrankungen oder der neuen Initiative „Aufbruch Pflege“ zur Reduktion von Belastungen im Pflegeberuf. Ein Beispiel für erfolgreiche Prävention sind die Latexerkrankungen, eine typische Erkrankung der Gesundheitsberufe. Latexallergien hatten in den 1990er Jahren stark zugenommen und betrafen „in manchen Abteilungen fast jeden Fünften“, wie der Arbeitsmediziner Prof. Dr. Johann Drexler (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) berichtete. 1998 wurden der BGW 1.262 Fälle von Latexallergien gemeldet. Auslöser der Erkrankungen waren Eiweiße aus stark gepuderten Latex-Einmalhandschuhen. Eine Aufklärungskampagne der BGW und das Verbot gepuderter proteinreicher Handschuhe durch den Verordnungsgeber konnten die Zahl der Betroffenen innerhalb weniger Jahre deutlich senken (2005: 153 Fälle): „Ein sehr schöner Beleg für den Nutzen der Prävention“ (Drexler).

„Wir schauen auf die Kosten, auf Pharmazie, auf Technologie, aber was ist der seelische Preis?“

Prof. Engelbert Fuchtmann von der Katholischen Studienstiftung sprach über psychische Belastungen für Menschen in Gesundheitsberufen, die sich aus ökonomisch-existenziellen Bedingungen, aus der Arbeitsbelastung und den spezifischen Inhalten und Begegnungen des jeweiligen Berufsfeldes ergeben. Besonders problematisch sei die hohe Arbeitsbelastung. Furchtmann verwies in diesem Zusammenhang auf eine bereits von Gostomzyk vorgestellte Studie unter rund 2.500 Münchner Medizinern im Herbst 2004. Demnach herrscht unter Ärztinnen und Ärzten offenbar eine „weit verbreitete Unzufriedenheit mit ihrem Beruf“. 53,7% der Befragten haben schon einmal darüber nachgedacht, ihre ärztliche Tätigkeit aufzugeben, rund 60% von ihnen nennen die hohe Arbeitszeitbelastung als einen Grund dafür. Das Arbeitszeitgesetz wird zehn Jahre nach seiner Einführung 1994 bei 45% der Befragten nicht umgesetzt [Gesundheitswesen 68 (2006): 535-544]. Müdigkeit, körperliche und emotionale Erschöpfung führten dazu, dass Patienten immer mehr als Belastung empfunden würden, sagte Fuchtmann. Wachsender Zynismus, Depressionen bis hin zu Suizidalität oder süchtiges Verhalten könnten Folge der Belastung sein, wenn Schutzfaktoren fehlten. „Seelische Störungen“ sind auch einer der wichtigsten Gründe für die Berufsunfähigkeit von Ärzten, wie Christiane Bartmus von der Bayerischen Ärzteversorgung berichtete.

Pflegeberufe: „Im eigenen Arbeitsbereich in der Gesundheitsförderung tätig werden“

Die Pflegeberufe umfassen ein breites Spektrum von Beschäftigten. Sorge bereitet dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe die sinkende Zahl von Auszubildenden in der Alten-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, während die Zahl geringer qualifizierter HelferInnen steige, wie die Vorsitzende des Landesverbandes Bayern, Dr. Marliese Biederbeck, berichtete: „Wenn das so weitergeht, gibt es in 12 Jahren keine klassisch dreijährig ausgebildeten Altenpfleger mehr“. Die Arbeit in der Pflege alter und/oder kranker Menschen sei heute neben den spezifischen Belastungen des Berufes vor allem geprägt durch Zeitdruck und ein hohes Arbeitstempo. Während im stationären Bereich die Betriebliche Gesundheitsförderung bereits oft gut umgesetzt werde, bestehe im ambulanten Sektor ein großer Nachholbedarf, etwa bei ambulanten Pflegediensten, deren MitarbeiterInnen ihre Patienten in der Regel alleine versorgen. Einen wichtigen Beitrag könnten hier Pflegekräfte mit einer Weiterbildung zur „Public Health Nurse“ bzw. „Family Health Nurse“ leisten, um „von der Betrieblichen Gesundheitsförderung zur Gesundheitsförderung durch Pflegekräfte“ zu gelangen.

„Eine positive Wertschätzung, ein gutes Arbeitsklima sind wichtig für die Beschäftigten“

Mit rund 500.000 fast ausschließlich weiblichen Beschäftigten sind die medizinischen, zahnmedizinischen und tiermedizinischen Fachangestellten (früher Arzt-, Zahnarzt- bzw. Tierarzthelferinnen) die zweitgrößte Gruppe von Beschäftigten im Gesundheitswesen in Deutschland. Gabriele Leybold, Vorsitzende des Landesverbands Bayern im Verband medizinischer Fachberufe (VMF e.V.), berichtete, besonders die die psychische Belastung von Praxismitarbeiterinnen habe erheblich zugenommen. Die wirtschaftliche Situation vieler Praxen führe dazu, dass Personal reduziert werde, während Aufgaben und Arbeitsbelastung zunähmen:

Die derzeitigen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen lassen in den Praxen mehr die emotionale Erschöpfung als die Freude und positiven Auswirkungen von Arbeit auftreten … Notwendig ist die Entwicklung von Präventionsprogrammen für den Kleinbetrieb Praxis.

Gabriele Leybold, VMF e.V.


„Ein hohes Risiko für Burn out“

sieht Brigitte Morgenstern-Junior, Vorsitzende des Verbandes Psychologischer Psychotherapeuten im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, Bayern, für Psychotherapeuten. Die permanente Konfrontation mit leidvollen, traumatischen und problematischen Inhalten im Therapieprozess sei eine besondere Belastung, die durch einen hohen Erfolgsdruck in der Behandlung, durch häufig isoliertes Arbeiten und oft auch durch existentielle Belastungen verstärkt werde. Viele der von ihr beschriebenen Möglichkeiten der Vorbeugung können über die Berufsgruppe der Psychotherapeuten hinaus auch für Menschen in anderen Gesundheitsberufen gelten: „Individuell angemessenes Arbeitspensum, bewusste Freizeit- und Urlaubsgestaltung, Kontaktpflege mit Familie und Freunden, gesundheitsbewusste Lebensführung, Beachten der eigenen Grenzen und Stärken, Selbstfürsorge, Inanspruchnahme von Supervisions- und Intervisionsgruppen, Kunst- und Kreativitätserfahrungen, gesundheits- und berufspolitisches Engagement, Verankerung in einer sinnstiftenden Weltanschauung“.

„Eine konkrete Handlungshilfe"
Das Präventionskonzept der Landszahnärztekammer

Zahnärzte sind als Leiter ihrer Praxis verantwortlich für den Arbeitsschutz. Die Bayerische Landeszahnärztekammer (BLZK) unterstützt sie mit einem Präventionskonzept, dass Dr. Dr. Bernhard Drüen, Leiter der Stelle für Arbeitssicherheit der BLZK, vorstellte. Ausgehend vom Belastungsprofil in Zahnarztpraxen wurden eine Gefährdungsbeurteilung und entsprechende Lösungsvorschläge erarbeitet, die eine rund 700seitige Mappe zusammenfasst. Sie erläutert alle relevanten Aspekte der Arbeitssicherheit unter Hinweis auf die jeweils geltenden Vorschriften. Beispielsweise fasst eine „Positivliste“ die erlaubten Tätigkeiten von Schwangeren in der Zahnarztpraxis zusammen, eine entsprechende „Negativliste“ nennt die nicht erlaubten Arbeiten. Die „Mappe Arbeitssicherheit“ steht allen bayerischen Zahnärzten als strukturierte, einfach zu nutzende Handlungshilfe für sicheres Arbeiten zur Verfügung.

Gesundheitsförderung in stationären Einrichtungen: „Vorschläge aus der Praxis für die Praxis“

349 Betriebe aus dem Gesundheits- und Sozialwesen in Bayern führten im Jahr 2005 Aktivitäten zur Betrieblichen Gesundheitsförderung in Zusammenarbeit mit der AOK Bayern durch, die rund 180.000 Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen in Bayern versichert. Dr. Gesine Wildeboer berichtete anhand von drei Praxisbeispielen über Möglichkeiten, Betriebliche Gesundheitsförderung in stationären Einrichtungen umzusetzen. „Jeder Betrieb ist unterschiedlich, es gibt kein Patentrezept“, betonte sie. Von großer Bedeutung sei die Einbeziehung und Information aller Mitarbeiter. Gemeinsam müssten die konkreten Belastungen in den Arbeitsbereichen festgestellt und Lösungsmöglichkeiten erarbeitet werden. Für den Pflegebereich wurde dafür ein „Pflegeleitfaden“ entwickelt, der ein Selbstbewertungsverfahren zur Analyse der Arbeitssituation enthält (Erfassung körperlicher, psychosozialer und organisatorisch bedingter Belastungen) und für jeden Bereich Alternativen aufzeigt.

Wo bleibt die Freude derer, die in Gesundheitsberufen tätig sind? Krankenversorgung ist nicht nur durch medizinisches und pflegerisches Handeln geprägt, sondern in entscheidendem Maße auch durch menschliche Zuwendung.

Prof. Dr. Eckhard Nagel, Universität Bayreuth

Für ein Zusammenführen der Blickwinkel aus Medizin, Ökonomie und Ethik steht Prof. Dr. Eckhard Nagel, Leiter des Transplantationszentrums am Klinikum Augsburg und zugleich Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth. „Es ist unfraglich: Um die Ansprüche der Versicherten zu bedienen, dem medizinisch-technischen Fortschritt gerecht zu werden und die Leistungsfähigkeit der Gesundheitsversorgung aufrecht zu erhalten, wird man mehr Geld im System brauchen“, sagte er in seinem Schlusswort zum Symposium: „Der Versuch, Effizienzreserven durch Optimierung von Prozessen zu erzielen, lässt sich nur bis an eine gewisse Grenze treiben – danach wird das System nicht effizienter, sondern produziert konträre Effekte … Auch der Versuch, über Personalkosteneinsparungen das im System vorhandene Geld effizienter zu verwenden, stößt an solche Grenzen. In der Gesundheitsversorgung ist der Mensch, der die Leistung erbringt kein oder zumindest nicht vorrangig ein Kostenfaktor, sondern – ökonomisch gesprochen – Humanvermögen und damit der wichtigste Produktionsfaktor. Wer hier spart, tut es am falschen Fleck und darf sich nicht wundern, wenn ÄrztInnen und Pflegekräften die Puste und die Motivation ausgeht … Wenn das Lächeln bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen schwindet, dann wird uns allen, die wir spätestens im Krankheitsfall auf ihre Zuwendung angewiesen sind, das Lachen vergehen.“

In der Prävention für Gesundheitsberufe ist noch vieles offen. Das Symposium war ein Anfang, diese Fragen systematisch zu diskutieren. Wir müssen die sehr konstruktive, offene Diskussion fortsetzen … Politik und Öffentlichkeit sollen für das so wichtige Thema der Grenzen zumutbarer berufsspezifischer Belastungen sensibilisiert werden, das eigentlich auch ein Schwerpunkt in der Diskussion von Reformen im Gesundheitswesen sein sollte.

Prof. Dr. Johannes Gostomzyk, LZG

Informationen der WHO zum Weltgesundheitstag 2006

Weltgesundheitstag 2006 in Deutschland